Glossar

Die wichtigsten Fachbegriffe der Bildungsarbeit von Understanding Europe

Ableismus

Der Begriff bezeichnet die strukturelle Diskriminierung von Menschen mit (zugeschriebener) Behinderung bzw. von Menschen, die behindert werden.1

Active Citizenship

Die Macht von Bürger*innen, ihre demokratischen Rechte sowie ihre gesellschaftliche Verantwortung auszuüben und zu verteidigen, Vielfalt wertzuschätzen und aktiv am demo­kratischen Zusammenleben teilzuhaben. 2

Ageismus

Der Begriff beschreibt die strukturelle Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres zugeschriebenen höheren oder hohen Lebensalters sowie die Stigmatisierung des Alterns und des Altseins bspw. durch gesellschaftlich-kulturell vorherrschende Verbindungen mit Krankheit sowie körperlichem und geistigem Verfall.3

Ambiguitätstoleranz

Pluralität zu verstehen und mit Widersprüchen umzugehen, also Ambiguitätstoleranz, bemisst sich dabei an der Fähigkeit, Vieldeutigkeit und Unsicherheit zur Kenntnis zu nehmen und ertragen zu können. 4

Beutelsbacher Konsens

Der „Beutelsbacher Konsens“ wurde in den 1970er Jahren formuliert und verweist seither besonders für die formale politische Bildung auf drei zentrale didaktische Leitgedanken: Überwältigungsverbot, Kontrover­sitätsprinzip und Schüler*innen-Orientierung.5

Bodyismus

Der Begriff bezeichnet Diskriminierung und Dominanz, die aufgrund körperlicher Schönheits- und Gesundheitsnormen stattfinden.6

Diagnostik

Der Begriff umfasst alle Tätigkeiten, die die Voraussetzungen und Bedingungen für erfolgreiche Lehr- und Lernprozesse eines/einer Lernenden ermitteln. Darüber hinaus werden Lernprozesse analysiert, und es wird ihre Wirksamkeit, die sich im Lernergebnis niederschlägt, festgestellt. Ziel der Diagnostik ist es, den individuellen Lernprozess zu optimieren.7

Dimensionen des Politischen

Polity umfasst die Form oder Struktur des Politischen und bezieht sich auf institutionelle Aspekte. Policy beinhaltet die Inhalte politischer Auseinandersetzungen, es geht um die Gegenstände, Aufgaben und Ziele, die Beteiligte formulieren und realisieren wollen. Politics fokussiert auf Prozesse wie politische Verfahren (z. B. Wahlen, Abstimmungen, Lobbyismus) und auf die Konfliktanalyse bzw. darauf, wie Interessengruppen ihre Anliegen durchzusetzen suchen.8

Diversität

Der Diversity-Ansatz geht von einer mehrdimensionalen Perspektive aus: Individuen sind durch zahlreiche Unterschiede und die Zugehörigkeit zu einer größeren Anzahl unterschiedlicher Gruppen in einem übergeordneten sozialen Kontext bzw. in einer Gesellschaft geprägt. Aufgrund der Mehrfachzugehörigkeit zu verschiedenen Diversity-Dimensionen wie Geschlechtsidentität, ethnische und kulturelle Herkunft, Hautfarbe, Religion, Weltanschauung, sexuelle Orientierung, Behinderung, Lebensalter, sozialer Status und Beruf etc. bestehen zwischen Individuen, je nach Kontext, neben Unterschieden zugleich Gemeinsamkeiten. Der Diversity-Ansatz greift Intersektionalität insofern auf, als dass er besonders auf die Verknüpfung von Zugehörigkeiten bzw. Zuschreibungen und sozialem Status und die Verortung dieser in gesellschaftlichen Dominanzstrukturen aufmerksam macht.9

Empowerment

Der Begriff wurde von der US-amerikanischen Bürgerrechts- und Selbsthilfebewegung geprägt und steht für Selbstermächtigung oder Selbstbefähigung. Gemeint ist damit ein Prozess, in dem benachteiligte Menschen ihre eigenen Kräfte entwickeln und Fähigkeiten nutzen, um an politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen teilzuhaben und so ihre Lebensumstände und Entwicklungsmöglichkeiten zu verbessern – unabhängig vom Wohlwollen der Mehrheitsangehörigen.10

Eurozentrismus

Der Begriff beschreibt die Beurteilung nichteuropäischer Kulturen aus der Perspektive europäischer Werte und Normen. Europa bildet hier das Zentrum des Denkens und Handelns. Europas Entwicklungsgeschichte wird als Maßstab für jegliche Vergleiche mit anderen Ländern und Kulturen gesehen.11

Hate Speech

Unter Hate Speech versteht man die Äußerung von Hass durch gezielte Herabwürdigung, Beleidigung und Bedrohung einzelner Personen oder Personengruppen.12

Heteronormativität

Heteronormativität bezeichnet „die für natürlich gehaltene, ausschließliche binäre Geschlechtereinteilung (in Mann und Frau)“, das gegenseitige heterosexuelle Begehren, die beide als gesellschaftliche Norm angesehen werden, und entsprechende binäre Rollenbilder für Männer und Frauen.13

Inklusion

Inklusion ist ein gesamtgesellschaftlich interaktiver Transformationsprozess, der darauf abzielt, diskriminierende soziale Konstruktionen aufzulösen und für alle Menschen Teilhabe zu ermöglichen. Teilhabe schließt hier ein, dass Zugang, Chancengerechtigkeit und Selbstbestimmung ermög­licht werden.14

Intersektionalität

Der Begriff beschreibt die Analyse der Interdependenz (gegenseitigen Bedingtheit) und des Zusammenwirkens verschiedener Differenzkategorien mit Dimensionen sozialer Ungleichheit und Ausgrenzung. Um ein umfassendes Verständnis von Diskriminierung zu erhalten, dürfen deren einzelne Formen (etwa Rassismus, Sexismus oder Heterosexismus) nicht unabhängig voneinander betrachtet werden.

Klassismus

Der Begriff „Klassismus“ bezeichnet die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres/ihrer (zugeschriebenen) ökonomischen, sozial- oder bildungspolitischen Status/Herkunft. Dies kann auf interaktionaler, institutioneller oder auch gesellschaftlich-kultureller Ebene stattfinden.15

Kontroversitätsprinzip

Politische Bildung ist gemäß dem Beutelsbacher Konsens dem Prinzip der Kontroversität verpflichtet: „Alles, was in Wissenschaft und Gesellschaft kontrovers ist, muss auch im Unterricht und in Settings der politischen Bildung kon­trovers erscheinen.“ Das Kontroversitätsgebot verlangt jedoch einen Minimalkonsens, nämlich dass alle Parteien in ihrer Differenz gleich sind (agree to disagree). Darüber hinaus gibt es in freiheitlichen Demokratien einen minima­len Wertekonsens, der an sich nicht zum Gegenstand von Verhandlungen werden kann. Sehr wohl aber kann darüber verhandelt werden, wo die Grenzen zum nicht­kontroversen Sektor im Einzelnen zu ziehen sind.16

Othering

Mit Othering wird ein Prozess beschrieben, in dem Menschen als „andere“ konstruiert und von einem „wir“ unterschieden werden.17

Peer Education

Peer Education ist ein pädagogischer Ansatz, der Lernen von und mit Menschen (Peers) ermöglicht, die einen ähnlichen Erfahrungshintergrund haben und Lebens­welten teilen.[18] Als Peers gelten Menschen, die sich in gemeinsamen sozialen Räumen bewegen und ähnliche Interessen und Erfahrungen teilen. Oft beschäftigen sie sich mit denselben Fragen und Themen, sie sprechen eine ähnliche Sprache und sind annähernd im selben Alter.

People of Color (POC)

People of Color dient als analytischer und politischer Begriff, der sich an all diejenigen Menschen und Communities wendet, die in kolonialer Tradition als „Andere“ rassifiziert und unterdrückt wurden bzw. werden. Inzwischen wird häufiger von BPoC (Black and People of Color) gesprochen, um Schwarze Menschen ausdrücklich einzuschließen. Etwas seltener kommt die Erweiterung BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) vor, die auch indigene Menschen mit einbezieht.19

Postkolonialismus

Postkolonialismus bezeichnet die Epoche nach Auflösung der Kolonien, den kulturellen Zustand einer postkolonialen Gesellschaft sowie die kritische Auseinandersetzung mit und intellektuelle Loslösung von den gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Auswirkungen des Kolonialismus.

Rassismuskritik

Rassismuskritik bedeutet, zum Thema zu machen, in welcher Weise, unter welchen Bedingungen und mit welchen Konsequenzen Selbstverständnisse und Handlungsweisen von Individuen, Gruppen, Institutionen und Strukturen durch Rassismen vermittelt sind und Rassismus verstärken. (…) Sie zielt darauf ab, auf Rassekonstruktionen beruhende beeinträchtigende, disziplinierende und gewaltvolle Unterscheidungen zu untersuchen, zu schwächen und alternative Unterscheidungen deutlich zu machen,20 Besonders im Bildungsbereich ist die Beschäftigung mit Rassismus notwendig, da auch dort rassismusrelevante Aushandlungsprozesse bestehen und reproduziert werden. Schüler*innen sollen dabei Handlungskompetenzen entwickeln, um menschenfeindliche Positionen und Sachverhalte zu erkennen und sich dagegen positionieren zu können.

Selbstwirksamkeit

Selbstvertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit ist eine Einstellung gegenüber sich selbst. Sie beinhaltet eine positive Einschätzung der eigenen Fähigkeiten so zu handeln, wie es erforderlich ist, um bestimmte Ziele zu erreichen und das Vertrauen, Fragen zu verstehen, die entsprechenden Methoden zur Erreichung der Aufgaben zu wählen, Hindernisse erfolgreich zu überwinden und etwas in der Welt zu bewirken.21

Sexismus

Unter Sexismus wird jede Art der Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres (zugeschriebenen) Geschlechts sowie die diesen Erscheinungen zugrunde liegende Ideologie verstanden.[22]

Überwältigungsverbot

Das Überwältigungsverbot bedeutet, dass es ist nicht erlaubt ist, Schüler*innen – mit welchen Mitteln auch immer – im Sinne erwünschter Meinungen zu überrumpeln und damit an der Gewinnung eines selbständigen Urteils zu hindern. Hier genau verläuft nämlich die Grenze zwischen Politischer Bildung und Indoktrination. Indoktrination aber ist unvereinbar mit der Rolle des Lehrers in einer demokratischen Gesellschaft und der Zielvorstellung von der Mündigkeit des Schülers.23

Weiß/Weißsein

Mit weiß ist nicht unbedingt die Schattierung der Haut eines Menschen gemeint, sondern die Positionierung und soziale Zuschreibung als weiß in einer rassistisch strukturierten Gesellschaft.24

  1. https://www.idaev.de/recherchetools/glossar/, letzter Zugriff am 29.04.2021.
  2. http://www.coe.int/en/web/edc/what-is-edc/hre, letzter Zugriff am 12.11.2019
  3. https://www.idaev.de/recherchetools/glossar/, letzter Zugriff am 29.04.2021.
  4. H. Häcker/K.-H. Stapf (2004): Dorsch Psychologisches Wörterbuch. 14. Auflage. Bern: Huber. S. 33.
  5. http://www.bpb.de/die-bpb/51310/beutelsbacher-konsens, letzter Zugriff am 29.04.2021.
  6. https://www.idaev.de/recherchetools/glossar/, letzter Zugriff am 29.04.2021.
  7. https://wb-web.de/wissen/diagnose/padagogische-diagnostik.html, letzter Zugriff am 29.04.2021.
  8. http://politischebildung.ch/fuer-lehrpersonen/grundlagen-politische-bildung/polity-policy-politics, letzter Zugriff am 29.04.2021.
  9. https://www.ewdv-diversity.de/diversity/intersektionalitaet/, letzter Zugriff am 29.04.2021.
  10. https://www.idaev.de/recherchetools/glossar/, letzter Zugriff am 29.04.2021.
  11. www.ikud.de/glossar/eurozentrismus-definition.html, letzter Zugriff am 29.04.2021.
  12. https://www.scout-magazin.de/glossar/begriff/hate-speech.html, letzter Zugriff am 29.04.2021.
  13. https://www.idaev.de/recherchetools/glossar/, letzter Zugriff am 29.04.2021.
  14. http://www.zipb.de/was-ist-inklusion/, letzter Zugriff am 21.11.2019
  15. https://www.idaev.de/recherchetools/glossar/, letzter Zugriff am 29.04.2021.
  16. Grammes, Tilman: Kontroversprinzip. In: Wolfgang Sander: Handbuch der politischen Bildung. Bundeszentrale für politische Bildung, 2013. S. 129.
  17. https://www.zhdk.ch/forschung/ehemalige-forschungsinstitute-7626/iae/glossar-972/othering-5894, letzter Zugriff am 29.04.2021.
  18. Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. (2019): lebensweltnah & partizipativ – Mit Peer Education gesellschaftliche Vielfalt und Demokratie fördern.
  19. https://glossar.neuemedienmacher.de/glossar/filter:p, letzter Zugriff am 29.04.2021.
  20. Fereidooni, Karim (2019): Rassismuskritik für Lehrer*innen und Peers im Bildungsbereich. Schwarzkop-Stiftung Junges Europa.
  21. Europarat (2016): Kompetenzen für eine demokratische Kultur. Kurze Zusammenfassung.
  22. https://www.idaev.de/recherchetools/glossar/, letzter Zugriff am 29.04.2021.
  23. https://www.bpb.de/die-bpb/51310/beutelsbacher-konsens, letzter Zugriff am 29.04.2021.
  24. https://www.idaev.de/recherchetools/glossar/, letzter Zugriff am 29.04.2021.